Generalkonsulat der Republik Türkei

Redetexte

29 Ekim Cumhuriyet Bayramı Resepsiyonu konuşma metni, 29.10.2012

Grußwort von Generalkonsul Tunca Özçuhadar
aus Anlass des 89. Jahrestages der Proklamation der Republik Türkei
Montag, 29. 10.2012, Neues Rathaus, Hannover

Sehr geehrter Herr Minister Schünemann,
sehr geehrte Frau Ministerin Özkan,
sehr geehrter Herr Minister Bode,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Weil,
verehrte Damen und Herren Abgeordnete,
werte Kolleginnen und Kollegen aus dem Konsularischen Korps,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
verehrte Gäste,

wir feiern heute den 89. Jahrestag der Gründung unserer Republik. Diese Republik ist das Ergebnis eines Befreiungskampfes, der mit großer Hingabe geführt wurde, und der am Ende dank weiser Führung die Souveränität unseres Staates möglich gemacht hat.

Den Reformen unseres Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk ist es zu verdanken, dass die Türkei zu einem säkularen, sozialen Rechtsstaat geworden ist. Diese Reformen haben unter anderem auch dazu geführt, dass unsere Frauen als freie und gleichberechtigte Bürgerinnen den ihnen zustehenden Platz und Stellenwert in der Gesellschaft eingenommen haben.

Weitere Errungenschaften in Bildung, Wissenschaft und Kultur legten die Fundamente für eine moderne Gesellschaft. Das von Atatürk und seinen Kameraden hierauf aufgebaute System hat es möglich gemacht, dass in einem überwiegend muslimisch geprägten Land ein moderner, zeitgenössischer westlicher Staat entstanden ist.

Mit der Einführung des demokratischen Mehrparteiensystems ab Ende der 40er-Jahre wurde unser nationales Parlament zu einem Ort des Meinungsaustausches, in dem frei und offen debattiert und gestritten wird und Probleme zum Wohle des Landes gelöst werden.

Verehrte Gäste,

die 89 Jahre junge Republik war im Laufe ihrer Entwicklung immer bestrebt, auch für wirtschaftlichen Zuwachs und den Wohlstand ihrer Bürger zu sorgen. Wenn wir den damaligen Ausgangspunkt betrachten und heute sehen, dass wir die sechstgrößte Wirtschaft Europas und die 17.-größte der Welt geworden sind, so kann man diese Leistung gar nicht hoch genug einschätzen. Ein Land, das im Jahr 1923 Güter im Wert von 51 Millionen Dollar exportierte, hat im Jahr 2011 Exportumsätze von fast 135 Milliarden Dollar verzeichnet. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, im Jahr 2023, also im 100. Jubiläumsjahr der Türkei, den Umsatz auf 500 Milliarden Dollar zu steigern und somit zu den 10 größten Volkswirtschaften der Welt zu gehören.

Politisch gesehen ist und bleibt unser Ziel die Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union. Wir sind davon überzeugt, dass eine gerechte Partnerschaft auf Augenhöhe sowohl für die Türkei als auch für die anderen EU-Mitgliedsstaaten gewinnbringend sein wird. Schon heute ist die Türkei von Wirtschaft bis Verteidigung, von Kultur bis Wissenschaft, Mitglied in fast jeder europäischen Organisation und somit ein untrennbarer Teil der europäischen Familie.

In der Außenpolitik sieht sich mein Land zahlreichen Herausforderungen ausgesetzt: Im Westen haben wir Nachbarn, die um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen. Einer unserer Nachbarn im Süden verletzt die Menschenrechte in gravierendster Form, während ein anderer versucht, die durch Kriege und Konflikte erlittenen Wunden zu heilen. Ein weiterer Nachbar fordert die ganze westliche Welt und den Nahen Osten heraus. Inmitten dieser Krisenregion ist die Türkei seit 89 Jahren ein Fels in der Brandung und eine Insel der Stabilität.

Verehrte Gäste,

abgesehen von den zwei Kriegsgefangenen Muhammed und Hasan, die schon 1683 als Kriegsbeute nach Hannover gebracht wurden und heute auf dem Neustädter Friedhof in Hannover ruhen, hat die Geschichte Deutsche und Türken in den vergangenen 100 Jahren mehrmals zusammengeführt. Dabei führten die schon am Ende des 19. Jahrhunderts begonnenen Beziehungen am Ende des Ersten Weltkriegs schließlich zu einem gemeinsamen Schicksal.

Allerdings wurde in der Türkei mit der Gründung der neuen Republik anschließend ein leuchtendes Kapitel in der Geschichte des Landes aufgeschlagen, was leider in Deutschland seinerzeit nicht der Fall war. Aufgrund dessen haben zahlreiche Akademiker, Regimekritiker oder Juden, die vor den Gräueltaten des NS-Regimes in Deutschland flohen, in der Türkei eine neue Heimat gefunden. Mit ihrem Wissen und ihren Leistungen haben sie wesentlich zur wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung der Türkei beigetragen.

Nach dieser zweiten engen Begegnung zwischen Türken und Deutschen traten Anfang der 60er-Jahre die deutsch-türkischen Beziehungen in eine dritte Phase, als Tausende von türkischen Arbeitskräften nach Deutschland kamen und zum deutschen Wirtschaftswunder beitrugen.

Heute haben wir bereits die nächste Phase der deutsch-türkischen Beziehungen erreicht: fast drei Millionen türkischstämmige Bürger sind zum unverzichtbaren Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden.

Diese Deutschen türkischer Herkunft sind im gesellschaftlichen Sinn trotz einiger Probleme eine Erfolgsgeschichte. Wenn ich mir die Anzahl der Akademiker, Künstler, Wissenschaftler, Sportler oder ganz normaler Arbeitnehmer türkischer Herkunft betrachte, die mittlerweile in dritter oder sogar vierter Generation hier leben, und noch dazu in Betracht ziehe, dass sie ursprünglich aus meist sehr bescheidenen Familienverhältnissen kommen, dann weiß ich, dass diese vergangenen 50 Jahre nicht umsonst waren.

Diese Menschen sind samt ihrer kulturellen Identität und ethnischen Herkunft ein Teil Deutschlands, auch wenn einige Unmenschen diese Realität nicht wahrhaben wollen und sogar vor Morden nicht zurückschrecken. Ich bin jedoch sicher, dass solche Unmenschen in Deutschland niemals wieder Erfolg haben werden. In dieser Hinsicht haben wir vollstes Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat.

Verehrte Gäste, wir schauen heute voller Hoffnung in die Zukunft. Wir arbeiten mit großem Engagement und mit Leidenschaft an der Weiterentwicklung unserer Republik und ihrer Ideale der Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit, für ein Leben in Frieden und Harmonie zu Hause und in der Welt.

Ich möchte meine Worte beschließen, indem ich noch einmal den Gründungsvätern unserer Republik für ihre weisen Entscheidungen und Taten danke, ohne die die Türkei nicht das wäre, was sie heute ist. In diesem Sinne gratuliere ich allen Bürgern und Freunden der Republik Türkei herzlich zum 89. Jahrestag der Proklamation der Republik.